• Karin Ricklin

Als Marsmensch im Topsharing

Nach einem Jahr als Mann im Topsharing fühlte sich Lukas Krienbuehl fast wie ein Marsmensch. Wie geht es ihm heute, nach knapp zwei Jahren in diesem Arbeitsmodell? Wo sieht er die Chancen und Risiken beim Topsharing? Und weshalb spielt Vertrauen eine zentrale Rolle? Darüber hat Lukas Krienbuehl im Interview mit Karin Ricklin von WEshare1 gesprochen.


Portrait Lukas Krienbuehl


Karin Ricklin: Im August 2020 hast Du einen Artikel auf LinkedIn geschrieben mit dem Titel «Als Mann im Jobsharing immer noch ein Marsmensch in der Arbeitswelt? Rückblick auf mein erstes Jahr». Fühlst Du Dich nach knapp zwei Jahren im Topsharing noch immer als Marsmensch?


Lukas Krienbuehl: Seit August 2020 hat sich nicht viel geändert. Ich habe den Eindruck, dass viele dieses Modell noch nicht im Kopf haben, wenn es darum geht, sich für eine Stelle zu bewerben. Oder sie getrauen sich vielleicht auch einfach nicht, ein Job- oder Topsharing einmal auszuprobieren. Auch ich kam mit Topsharing erst in Berührung, als ich meine jetzige Stelle ausgeschrieben sah. Ob es schlussendlich die Bewerbenden sind, die sich nicht als Tandem bewerben, oder ein Mangel an Arbeitgebenden besteht, die Job- oder Topsharing anbieten bzw. offen dafür sind? Das kann ich nicht beurteilen.

"Auch ich kam mit Topsharing erst in Berührung, als ich meine jetzige Stelle ausgeschrieben sah."

K: Mit Andrea Jansen habe ich kürzlich darüber gesprochen, inwiefern beim Topsharing auch die "ideal worker norm" eine Hürde darstellen kann. Im Sinne von: Wenn schon Karriere, dann zu 100%. Wie erlebst Du das?


L: Das erlebe ich nicht so. Ich erhalte erfreulicherweise sehr viele positive Reaktionen zu meinem Topsharing und das Interesse daran ist gross. Ich stelle hingegen fest, dass oft unklar ist, was mit einem Job- oder Topsharing effektiv gemeint ist. Wenn zwei Personen nahezu die ganze Arbeit gemeinsam machen, also gemeinsam alle Entscheide fällen oder an sämtlichen Sitzungen zu zweit teilnehmen, dann ist das eben genau kein Jobsharing. Vielmehr geht es darum, so viel wie möglich untereinander aufzuteilen und nur eine kleine, essentielle Schnittmenge gemeinsam zu erledigen. Meine Tandempartnerin Eliane und ich haben daher klar abgesteckte Dossiers und Projekte. Einmal pro Woche gleichen wir uns kurz ab und stellen so sicher, dass wir gegenseitig auf dem Laufenden sind. In den gemeinsamen Bereich fällt z. B. die Führung der Mitarbeitenden, der wöchentliche Austausch mit unserer Vorgesetzten und strategische Entscheide. Da wir beide 60 Prozent arbeiten, haben wir einen gemeinsamen Tag pro Woche, an dem wir uns jeweils abstimmen und die Teamsitzung mit unseren Mitarbeitenden gemeinsam durchführen.

"Wenn zwei Personen nahezu die ganze Arbeit gemeinsam machen, also gemeinsam alle Entscheide fällen oder an sämtlichen Sitzungen zu zweit teilnehmen, dann ist das eben genau kein Jobsharing."

K: Ein Überschneidungstag ist sicher ein grosser Vorteil. Wenn ein Unternehmen allerdings für eine Stelle ein 100% Pensum budgetiert hat, bedeutet ein 60%/60% Modell Zusatzkosten. Siehst Du den Überschneidungstag als Muss, oder wäre Euer Topsharing beispielweise auch mit einem 50%/50% Modell realisierbar, also ohne Überschneidungstag?


L: Es bräuchte noch etwas mehr Organisation, aber machbar wäre das auf jeden Fall.


K: Eine oft gehörte Befürchtung ist, dass das Tandem zu viel Zeit mit Abstimmung, Koordination oder Konflikten verbringt und die Führungskraft sich um zwei Personen anstelle einer kümmern muss: zu aufwändig, zu kompliziert. Wie ist Deine Erfahrung nach knapp zwei Jahren Topsharing?


L: Ein grosser Vorteil bei uns war, dass meine Tandempartnerin Eliane bereits über Erfahrungen im Topsharing verfügte und daher eine klare Idee davon hatte, was gut funktioniert und was weniger. Entscheidend ist, dass die Aufteilung klar ist und wie erwähnt so viel wie möglich aufgeteilt wird. Gleichzeitig bedeutet das auch, dass wir untereinander gut abgestimmt sind, eine transparente, offene Kommunikation pflegen und einander grundsätzlich vertrauen. Nicht jeder Entscheid kann und muss abgeglichen werden. Es ist wichtig, dass ich an Elianes freien Tagen über das Alltagsgeschäft entscheiden kann und umgekehrt. Ticken beide ähnlich, ist das kein Problem. Ich stelle mir vor, dass es bei unterschiedlichen Grundhaltungen schwierig wird. Wenn also beispielsweise Person A einen teamorientieren und vertrauensbasierten Führungsstil pflegt, Person B hingegen viel Wert auf Kontrolle legt. Auch unterschiedliche Arbeitsweisen können sehr herausfordernd werden. Prallt eine sehr strukturierte, zuverlässige Person auf jemanden Chaotisches, dem Zuverlässigkeit weniger wichtig ist, birgt das einiges an Zündstoff.

"Nicht jeder Entscheid kann und muss abgeglichen werden."

K: Du sprichst hier zentrale Voraussetzungen vom Job- und Topsharing an. Wie wusstet Ihr, dass es mit Euch beiden als Tandem klappen könnte?


L: Unser Fall ist insofern speziell, als dass Eliane diese Funktion bereits im Topsharing ausgeübt hat, bevor ich kam. Beim Wechsel ihrer ehemaligen Tandempartnerin wurde nach einem neuen Pendant für sie gesucht. Als ich mich für die Stelle bewarb, war mir insbesondere wichtig zu erfahren, welchen Führungsstil Eliane pflegt, wie sie kommuniziert und wie ihre Arbeitsweise ist. Wir haben uns während des Bewerbungsgesprächs offen über diese Punkte unterhalten. Folglich war mein Entscheid auch sehr bewusst, als ich für die Stelle zusagte. Eliane ihrerseits hatte im Rekrutierungsprozess ein Vetorecht, konnte also mitreden, mit wem sie künftig die Stelle teilt. Das scheint mir sehr wichtig. Die Klärung darüber, welche Grundhaltung beide haben und wie das Miteinander gestaltet werden soll, ist eine zentrale Voraussetzung für ein funktionierendes Job- bzw. Topsharing.

"Als ich mich für die Stelle bewarb, war mir insbesondere wichtig zu erfahren, welchen Führungsstil Eliane pflegt, wie sie kommuniziert und wie ihre Arbeitsweise ist."

K: Auch wenn diese Bedingungen erfüllt sind: Wenn Du an Deinem Arbeitstag einen dringenden Entscheid fällen musst in einem Thema, das Eliane betrifft, dürfte das herausfordernd sein. Wie geht Ihr damit um?


L: Entscheidend ist eine gute, vorausschauende Übergabe. Damit können wir die Mehrheit der Entscheide im Alltagsgeschäft ohne zusätzliche Abstimmung fällen. Falls es sich um ein Anliegen handelt, das effektiv Eliane entscheiden muss, jedoch nicht dringend ist, leite ich es an sie weiter. Sie kümmert sich dann an ihrem nächsten Arbeitstag darum. Stufe 2 bedeutet quasi, dass eine Angelegenheit dringend ist und einer raschen Entscheidung bedarf. Kann ich nicht selbst entscheiden, weil ich nicht alle nötigen Informationen besitze, schreibe ich Eliane eine SMS. Dasselbe gilt natürlich auch im umgekehrten Fall für Eliane. Ist sofortige Klärung nötig, kommt Stufe 3 zum Zug: Ich rufe sie an. Das war in den letzten zwei Jahren aber äusserst selten nötig. Abgesehen davon ist es in einer "herkömmlichen" Führungsposition nicht anders – wenn es brennt, sind Sondereinsätze gefragt.

"Zentral ist eine gute, vorausschauende Übergabe. Damit können wir die Mehrheit der Entscheide im Alltagsgeschäft ohne zusätzliche Abstimmung fällen."

K: Im kürzlich erschienenen Film von PTO über Euer Topsharing wird deutlich, dass die peer-to-peer Thematik für Dich ein zentraler Benefit ist, also Kommunikation und Auseinandersetzung auf Augenhöhe. Wo bietet Dir Topsharing weitere Vorteile?


L: Spannende Teilzeitstellen sind rar, Führungspositionen mit einem 60%-Pensum noch viel seltener. Topsharing ermöglicht mir, Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen. Ausserdem kann ich im Austausch mit Eliane sehr viel lernen. Mir gefällt auch, dass wir die wichtigsten Entscheide miteinander diskutieren können und ich nicht alles mit mir selbst ausmachen muss. Die Entscheide, die daraus resultieren, sind reflektierter, wovon auch das Unternehmen schlussendlich profitiert.

"Spannende Teilzeitstellen sind rar, Führungspositionen mit einem 60%-Pensum noch viel seltener. Topsharing ermöglicht mir, Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen."

K: Welche weiteren Benefits siehst Du für Unternehmen?


L: Was Eliane und ich an Knowhow und Erfahrungen in einer Stelle vereinen, ist sehr vielfältig. Eine Person zu finden, die all dies zu einem zahlbaren Lohn abdeckt, ist sehr unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass die Stellvertretung automatisch inbegriffen ist. Ob Ferien oder Krankheit, grundsätzlich ist im Verlauf einer Woche immer jemand von uns da. Auch wenn eine*r von uns die Stelle verlassen würde, wäre das Knowhow nicht von einem Tag auf den anderen weg, sondern bleibt im Unternehmen. Zudem kann es für die Mitarbeitenden ein Vorteil sein, dass zwei unterschiedliche Ansprechpersonen vorhanden sind. Von unserem Team erhalten wir diesbezüglich sehr positives Feedback.

"Ob Ferien oder Krankheit, grundsätzlich ist im Verlauf einer Woche immer jemand von uns da. Auch wenn eine*r von uns die Stelle verlassen würde, wäre das Knowhow nicht von einem Tag auf den anderen weg, sondern bleibt im Unternehmen."

K: Du bist überzeugt davon, dass Jobsharing und Topsharing insbesondere in der digitalisierten und flexiblen Arbeitswelt von morgen eine zunehmend wichtige Rolle spielen werden. Was braucht es, damit das Modell noch stärker gelebt wird?


L: Es ist wichtig, anhand konkreter Beispiele und Erfahrungen aufzuzeigen, wie dieses Arbeitsmodell funktioniert und welche Vorteile es für beide Seiten bringt – sowohl für Unternehmen, wie auch die Mitarbeitenden. Zudem sind Job- und Topsharing nicht nur für Eltern interessant, sondern beispielsweise auch für ältere Menschen, die in Teilzeit mit einer jüngeren Person eine verantwortungsvolle Stelle teilen möchten.

"Job- und Topsharing sind nicht nur für Eltern interessant, sondern beispielsweise auch für ältere Menschen, die in Teilzeit mit einer jüngeren Person eine verantwortungsvolle Stelle teilen möchten."

K: Das intergenerationelle Job- und Topsharing, das Du ansprichst, finde ich ebenfalls sehr spannend. Grundsätzlich bietet das Modell Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen eine interessante Option, das eigene Potential zu entfalten. Welchen Tipp würdest Du all denen, die sich dafür interessieren – und insbesondere Männern - mitgeben?


L: Wesentlich scheint mir, im Bewerbungsprozess aufzuzeigen, welchen Mehrwert das Unternehmen mit Euch als Tandem im Vergleich zu einer Einzelbesetzung hat. Ein gemeinsamer CV unterstreicht das. Aber nicht jede Stelle eignet sich für Jobsharing. Das setzt voraus, dass Ihr Euch im Vorfeld intensiv mit der Stelle und den Stärken sowie der Erfahrungsvielfalt Eures Tandems auseinandergesetzt habt. Spezifisch für Männer: Habt den Mut, Euch auf dieses Modell einzulassen.

"Spezifisch für Männer: Habt den Mut, Euch auf dieses Modell einzulassen."

K: Herzlichen Dank für dieses Gespräch, lieber Lukas, und weiterhin viel Erfolg bei Deinem Wirken als Rollenmodell, insbesondere auch für Männer im Topsharing.

Zum Interviewpartner


Lukas Krienbuehl ist Kommunikationsspezialist und begeistert sich für Innovation und Technologie. Derzeit leitet er im Topsharing die Kommunikation bei Innosuisse, der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung. Zudem ist er beim Berner Start-up Solarify GmbH involviert. Zuvor arbeitete er in der Innovatiosabteilung der Schweizerischen Post. Nach Abschluss seines Masterstudiums in internationalen Beziehungen in Genf und Dublin war er mehrere Jahre in der internationalen Zusammenarbeit tätig. Lukas hat zwei Töchter und lebt in Bern.