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  • AutorenbildStephanie Briner

Gegenseitig inspiriert – gemeinsam aktiv

Seit gut einem Jahr leiten Jonas Briner und Urs Leisinger das Rektorat der gymnasialen Oberstufe der Kantonsschule Zug im Jobsharing. Briner und Leisinger vertreten zwei verschiedene Generationen von Lehrpersonen und zwei verschiedene Fachschaften, was sie als enorm bereichernd beschreiben für’s Topsharing. Sie inspirieren sich gegenseitig und stossen gemeinsam neue Projekte an, an welche sie sich alleine nicht gewagt hätten.

Portrait Jonas Briner und Urs Leisinger

Jonas Briner, 37 Jahre alt, hat als Schüler den Chemieunterricht von Urs Leisinger besucht. Briner studierte Geschichte und Philosophie und unterrichtet seit 2012 Geschichte an der Kantonsschule Zug. Urs Leisinger, 53, kam 2001 als Chemielehrer an die Kantonsschule Zug. Er studierte Umweltwissenschaften an der ETH und promovierte 2001. Die beiden waren also schon an der Kantonsschule Zug tätig, als die Leitung des Rektorats der gymnasialen Oberstufe im Jobsharing ausgeschrieben wurde.


Nachgefragt bei Peter Hörler, Direktor der Kantonsschule Zug, welche Überlegungen der Stellenausschreibung im Jobsharing vorangegangen seien, hat er folgendermassen beantwortet: «Die Schulleitung der KSZ bestand bis vor wenigen Jahren fast ausnahmslos aus Männern, alle traditionellerweise in einem 100 %-Pensum tätig. Gerne hätten die Schulleitung sowie die Lehrpersonen der KSZ eine oder mehrere Stellen mit Frauen besetzt. Bereits vor rund zehn Jahren suchten wir im Kontext anstehender personeller Veränderungen in der Schulleitung nach neuen Modellen, die auch Frauen annehmen würden: andere Hierarchiestufen, neue Jobprofile, Leitungspositionen in Teilzeit.


Auf die Ausschreibungen 2014 meldete sich keine Frau. 2016 war es eine Frau für die 100 %-Stelle, obwohl die Option des Sharings bereits im Raum stand. Die Nachfolge für die erneute personelle Veränderung 2022 sollte also - wieder mit der gleichen Idee - explizit im Jobsharing ausgeschrieben werden. Wir haben seit einem Jahr das neue Modell installiert - einfach mit zwei Männern. Und dies meiner Meinung nach mit grossem Erfolg. Die beiden können, wenn es weiterhin gut läuft, als eine Art "Role-Model" für dereinst weibliche Prorektorinnen dienen.»


Stephanie Briner: Was waren eure Beweggründe, Jonas und Urs, euch auf die Stelle im Jobsharing zu bewerben?


Urs Leisinger: Das Jobsharing ermöglicht uns, die Leitungsposition auszuüben und gleichzeitig auch zu unterrichten. Dies ist nur unter dieser Bedingung möglich. In der Rückschau erachte ich als enorm wertvoll, dass wir viele Themen gemeinsam spiegeln können. Mit der Leitung des Rektorats sind wir Teil der Schulleitung. Die Schulleitung ist ein gesetztes Gremium, 2022/23 bestehend aus 6 Personen, wobei die anderen Mitglieder bereits viele Jahre zusammenarbeiteten. Viele Entscheide werden dabei im Kollektiv getroffen. Jonas und ich nehmen gemeinsam an den Sitzungen teil und können so Themen, die für uns nicht klar sind oder in welchen wir eine andere Haltung vertreten wie die Schulleitung, gemeinsam reflektieren.

Jonas Briner: Wir haben in der Schulleitung zwei Stimmen. Entstanden ist dieser Entscheid sehr spontan aus dem Gedanken heraus, dass jede Person ein vollwertiges Mitglied ist. Wir sind nicht Interessenvertreter unserer Stufe. Wir sind Personen mit bildungspolitischen Haltungen, die wir in die Entwicklung der Gesamtschule einbringen. Urs und ich haben oft eine ähnliche Haltung.


SB: Die Kombination einer Leitungsposition mit Fach- oder Projektaufgaben nennen viele als Motivationsgrund für ein Jobsharing – so auch Alke und Barbara oder Cornelis und Marianne. Bei euch ist es die Kombination aus Unterricht und Leitungsaufgabe. Wie habt ihr euer Pensum aufgeteilt? Wie seid ihr organisiert?


JB: Urs arbeitet gut 90 % und ich 70 %, davon beide je 50 % für die Leitung des Rektorats und 40 % resp. 20 % als Lehrperson. Diese Aufteilung haben wir im Bewerbungsverfahren lange diskutiert. Die anderen Schulleitungspersonen haben alle innerhalb ihres 100 % Pensums einen kleinen Anteil Unterrichtszeit (ca. 10 %). Dieser Anteil Unterrichtszeit innerhalb des Leitungspensums wurde uns erlassen. Dies, wegen des Zusatzaufwands durch die gemeinsame Teilnahme an den Sitzungen und der gegenseitigen Absprachen. Dass wir beide an den Schulleitungssitzungen teilnehmen, erhöht die Arbeitszeit im Vergleich zu den Vollzeitschulleitungsmitgliedern um ca. 20 %. Von diesen Extraprozenten übernimmt 10 % der Kanton, die anderen 10 % arbeiten wir «gratis». So geht der strukturelle Zusatzaufwand, den «unser» Modell des Jobsharings mit sich bringt, wenigstens rechnerisch zur Hälfte zu Lasten des Kantons und zur Hälfte zu Lasten von uns Arbeitnehmern.


UL: Wir teilen die Fachschaften auf. Bei mir sind Mathematik, Informatik sowie Programmieren und Technik, bei Jonas Physik, Geschichte, Musik und Angewandtes Gestalten. Ebenso haben wir eine klare Aufteilung der Stufen, wobei wir die Stufen mitbegleiten (einmal 5. Stufe, einmal 6. Stufe). Alles, was mit dieser Stufe einher geht, übernimmt die jeweilige Person (ausserordentliche Situationen mit Schüler:innen, Spezialregelungen mit Lehrpersonen, etc.). Die anspruchsvollen Situationen besprechen wir zu zweit. Zudem geben wir einander viele Erfahrungen zur jeweiligen Stufe weiter. Zur Stufenleitung hinzu kommen viele schulübergreifende Projekte wie beispielsweise eine Neuverteilung der Fachschaften auf die verschiedenen Schultrakte, Projekte im Bereich Nachhaltigkeit, eine Neukonzeption des Verfahrens hin zur unbefristeten Anstellung der Lehrpersonen, etc. Dass wir dabei einen Sparring-Partner an der Seite haben, mit dem wir Projekte aufgleisen können oder der sie zumindest kritisch spiegelt, ist enorm wertvoll.


SB: Werdet ihr von den Lehrepersonen als Job-Tandem wahrgenommen und wie erlebt ihr die gemeinsame Führung?


JB: Wir teilen ein ähnliches Führungsverständnis. Wir haben ähnliche Ideale, was den Umgang mit Menschen betrifft. Beispielsweise in der Frage, wieviel Spielraum Lehrpersonen und Schüler:innen haben sollten. In Fällen, wo wir unsicher sind, sprechen wir uns ab. Dies befördert eine gemeinsame Haltung zusätzlich. Aus den Gesprächen mit den Lehrpersonen entnehmen wir, dass sie uns als Duo wahrnehmen.


SB: Ihr habt nun das erste Schuljahr als Co-Leitung Rektorat hinter euch. Was sind eure wichtigsten Erkenntnisse aus der Anfangszeit?


JB: Wir sind noch nicht in allen Themen 100 % angekommen. Aber es gibt viele Bereiche, wo ich erkenne, dass wir während dem ersten Jahr einen Schritt vorwärtsgekommen sind und das ist cool. Dennoch gibt es auch Schwierigkeiten. Die Arbeitsbelastung ist hoch. Ich hatte mir von der Co-Leitung eine Entlastung erhofft.


UL: Belastend ist die Menge, aber auch die Art der Themen. Wir sind im ersten Jahr in viele Projekte hineingeraten, die über das Tagesgeschäft hinausgehen. Nur das Tagesgeschäft zu erledigen, wäre für uns unbefriedigend gewesen und war nicht der Grund, wieso wir in die Schulleitung wollten.


JB: Die Belastung hat auch mit der Co-Leitung zu tun. Rein strukturell müssen wir mehr arbeiten wie unsere Kolleg:innen. Es hat aber auch damit zu tun, dass wir uns für gewisse Dinge viel Zeit nehmen, beispielsweise für die Kommunikation. Wir haben im ersten Schuljahr sicher wenig auf unsere eigenen Ressourcen geachtet, sondern so gehandelt, wie wir es als richtig und nachhaltig für die Schule erachten. Darüber hinaus haben wir uns gegenseitig stark inspiriert und im Handeln bestärkt.


UL: In gewissen Themen waren wir vor der Umsetzung mit Widerstand konfrontiert. Dabei fällt es zu zweit einfacher, damit umzugehen. Alleine hätten wir das nicht gemacht. Schon daher, weil die kritische Menge fehlt, um etwas anzustossen. Bezüglich Arbeitsbelastung spielen auch gesellschaftliche Veränderungen eine Rolle. Beispielsweise gibt es an der Schule vermehrt Lernende mit Verhaltensauffälligkeiten oder Diagnosen, welche Anpassungen seitens der Schule erfordern. Es sind viele Gespräche und u.a. eine enge Zusammenarbeit mit Therapeut:innen und Eltern für die erfolgreiche Gestaltung des Schulalltags erforderlich. Aus unserer Sicht wenig kontroverse Entscheide werden juristisch angefochten. Das alles ist für uns, sicher in diesem Ausmass, neu.


SB: Ihr sprecht an, dass sich das Schweizer Bildungssystem in seinem gesellschaftlichen und kulturellen Kontext in den letzten zwei Jahrzehnten tiefgreifend verändert hat. Megatrends wie etwa die Globalisierung und die Digitalisierung sowie aktuelle Fragestellungen in Bezug auf die partizipative Gesellschaft und die Nachhaltigkeit wirken sich sowohl auf strukturelle als auch auf pädagogische Aspekte aus. Ihr habt eure Ausbildung und teils auch die Berufserfahrung in unterschiedlichen Zeiten gemacht – ist dies nicht konfliktanfällig? Wie schafft ihr es, diese Brücke zu schlagen zwischen «früher und heute»?


JB: Die Generationenfrage hat für uns eine untergeordnete Rolle. Man könnte denken, ich sei als jüngere Person affiner in Bezug auf Digitalisierungsfragen. Das ist aber nicht so. Urs ist in Sachen Digitalisierung besser wie ich. Er unterrichtet Informatik, Programmieren und Technik und hat die Umstellung auf digitale Prozesse und Unterrichtsformen an der Schule stark geprägt. Durch unseren Altersunterschied haben wir jedoch unterschiedliche Kontakte innerhalb der Lehrer:innenschaft, wodurch wir zusammen sehr gut vernetzt sind.


UL: Extrem bereichernd ist der unterschiedliche fachliche Hintergrund. Jonas ist Geisteswissenschaftler. Er bringt andere Denkansätze, andere Werthaltungen, andere Vorgehensweisen ein. Dies zeigt sich beispielsweise in Detailfragen wie: «wie wird Leistung erfasst?». In der Chemie wird Leistung meist sehr traditionell erfasst. In der Geschichte hingegen werden viele neue Aspekte berücksichtigt wie neue Lerninhalte, neue Herangehensweisen und eben auch neue Arten der Leistungserhebung. Durch diesen Einblick, diese Interdisziplinarität lernen wir viel dazu, jedenfalls ich. Diese Auseinandersetzung ist wertvoll, aber auch zeitintensiv. In den nächsten Jahren geht es daher auch darum, mehr Routine zu entwickeln.


SB: Petra und Daniel ziehen den Vergleich mit einem Zebra, um die Komplementarität bezüglich Ihrer Charaktereigenschaften hervorzuheben. Gibt es Persönlichkeitseigenschaften, die ihr als besonders wichtig bzw. wertvoll erachtet für ein gut funktionierendes Topsharing?

UL: Was hilft ist, wenn man – auch in intensiven Diskussionen oder Auseinandersetzungen, bei welchen man intuitiv unterschiedliche Mechanismen am Werk sieht und von unterschiedlichen Lösungsansätzen überzeugt ist – einen rationalen Dialog finden kann. Ebenso ist förderlich, wenn die Hackordnung keine Rolle spielt. In beiden Punkten hilft uns unser Altersunterschied.


JB: Ich könnte einen ganzen Katalog an Eigenschaften aufzählen, die wertvoll sind für ein Topsharing, und welche ich alle in Urs erkenne. So erachte ich Offenheit, Lernbereitschaft und Kritikfähigkeit als zentral. Auch eine gewisse Experimentierfreudigkeit und die Lust darauf, gemeinsam etwas zu entwickeln. Es geht nicht ums eigene Ego. Wir haben beide ein gutes Selbstvertrauen. Wir sind in keiner Art und Weise in einem Konkurrenzverhältnis. Ich bin einfach sehr froh, dass Urs mit all seinen Kompetenzen und Erfahrungen da ist. Es ist schön, jemand an der Seite zu haben, der es so gut macht. Urs hat beispielsweise die letzte Maturafeier geleitet, welche so toll gemacht war und ich voll dahinterstehen konnte, obwohl ich selbst keinen aktiven Beitrag geleistet hatte.


UL: Also der entscheidende Tipp für die Maturafeier kam von Jonas [lacht]. Wir pflegen eine Vertrautheit, in welcher ausprobiert werden kann und Fehler kein Problem darstellen.


SB: Welchen Tipp könnt ihr Personen mit auf den Weg geben, die ebenfalls im Topsharing im Bildungskontext arbeiten möchten?

JB: Ich kann nicht sagen: das sind die 10 wichtigste Punkte und dann läuft's. Ich bin sehr froh, mit Urs zusammen im Co-Lead zu sein. Die Partnerwahl ist entscheidend. Ich hatte gute Gründe, wieso ich mich auf eine so enge Zusammenarbeit mit Urs eingelassen hatte.


UL: Ich hatte das im Vorfeld weniger. Die Überraschung war daher umso positiver. Es gibt nicht sehr viele Personen, mit welchen ich so gut zusammenarbeiten könnte wie mit Jonas. Dass wir in vielen Sachen eine ähnliche Vorstellung haben, diese schnell erfassen und kommunizieren können, auch beim Gegenüber Entwicklungspotentiale erkennen und ansprechen, aber auch Differenzen hartnäckig ausfechten können, das ist ein extremes Geschenk.

 

Zu den Interviewpartnern:


Urs Leisinger studierte Umweltnaturwissenschaften an der ETH und promovierte anschliessend an der EAWAG. Prägend waren Auslandaufenthalte in einem Forschungsinstitut in Tallinn, Estland im Winter 1992/83 und nach der Ausbildung in einem Projekt in Cuenca, Ecuador. Seit 2001 unterrichtet er an der Kantonsschule Zug Chemie, Programmieren und Technik und vorübergehend Informatik. Seit 2022/23 ist er im Topsharing Teil der Schulleitung der Kantonsschule Zug. In den Bergen gelingt es ihm am besten, sich zu erholen und die Gedanken zu ordnen.


Jonas Briner hat Geschichte und Philosophie in Luzern und Florenz studiert. Seit 2012 arbeitet er als Geschichtslehrer an der Kantonsschule Zug, die er bereits als Schüler besucht hat. Seit dem Schuljahr 2022/23 ist er im Topsharing mit Urs Leisinger Teil der Schulleitung der Kantonsschule Zug. Er lebt mit seiner Freundin in Oberwil bei Zug. In seiner Freizeit treibt er sich gerne in der Natur und auf dem Fussballplatz herum.


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